B O N U S
Inhaltsverzeichnis
1. Wenn Träume stürmisch werden
Wenn Träume stürmisch werden - Bonuskapitel 1
Keine Ahnung, wer auf die glorreiche Idee gekommen ist, mir die Leitung der Austernfarm-Führungen zu überlassen.
Braden ganz bestimmt nicht. Der hat bloß ein Brummen von sich gegeben, mir eine Kopie der Sicherheitsregeln in die Hand gedrückt und sich in sein Büro verzogen.
Finley interessiert sich nur für Statistiken und dafür, uns mit seinen Verbesserungsvorschlägen gehörig auf den Sack zu gehen.
Bleibt noch Padraig oder Phil. Ich tippe auf Letztere. Ihre Augen haben verzückt geleuchtet, als sie von ihrer ersten allein abgehaltenen Besichtigungstour erzählt hat. Ab dem Moment ihrer Schilderung, wie sich daraus fast ein Kuss mit Grady ergeben hätte, war mein Interesse passé. Bah! Es sollte ein Verbot für solche Geschichten geben.
Doch trotz meiner anfänglichen Abneigung gestehe ich, dass ich inzwischen Gefallen an dem Job gefunden habe. Vor allem an dem Trinkgeld, das mir überwiegend Frauen wegen meiner ›mitreißenden Art‹in die Hand drücken. Ich erzähle den Touris, wie Austern wachsen, was Ebbe und Flut für eine wilde Ehe führen und warum man nicht eine Gummistiefelgröße kleiner tragen sollte, nur weil es cooler aussieht. (Trust me. Been there. Done that. Blasen an den Zehen.)
Jetzt warte ich auf dem Schotterparkplatz der Farm auf die nächste Gruppe und bringe meine Gedanken in Startposition.
Einen perfekteren Tag als heute gibt es für eine Besichtigungstour fast nicht. Die Sonne zeigt sich von ihrer besten Seite. Die Seevögel schreien wie pubertierende Mädchen bei einem Boyband-Konzert. Der Wind ist nur ein leichtes Säuseln und zum ersten Mal seit Tagen ist mein Gesicht frei von Matsch.
Ein Touri-Bus hält und spuckt Menschen jeglichen Alters aus.
Ich setze mein bestes Schwiegersohnlächeln auf, denn die Gruppe besteht aus ungewöhnlich vielen Frauen. Lässig schlendere ich zu der Truppe.
Als Letztes steigen drei Männer die Stufen des Busses herunter. Jeans, Wanderschuhe, Rucksäcke mit Gebrauchsspuren.
Mir vergeht das Grinsen.
Sie sehen aus wie irgendetwas zwischen harmlosen Backpackern und Männern mit schlechten Absichten. Genau das ist das Problem. Normalerweise weiß ich auf den ersten Blick, mit wem ich es zu tun habe.
Ein untrügliches Prickeln setzt in meinem Nacken ein, das ich schon Ewigkeiten nicht mehr gespürt habe. Ich atme tief durch und schüttle das negative Gefühl ab. Irgendwie muss ich mein Gehirn dazu bringen, endlich zu akzeptieren, dass ich auf der Farm in Sicherheit bin. Dass ich dabei bin, mir meinen Traumberuf als Pilot zu erfüllen. Dass ich zum ersten Mal Menschen um mich habe, die das Wort ›Familie‹ wirklich verdienen.
Die eineinhalb Stunden der Führung sind wie im Flug vergangen, auch wenn mir heute die Scherze etwas sperrig über die Lippen gekommen sind. Am Ende lotse ich die Truppe in die Kantine zu Feena, wo es eine Austernverkostung gibt.
Die drei Männer machen einen auf höflich und lassen alle vorgehen. Gerade als ich über die Schwelle treten will, schlagen sie mir die Tür vor der Nase zu. Einer stellt sich verbarrikadierend davor.
»Na, Krümel. Hast dich ja fein hier eingerichtet«, sagt der älteste.
Innerlich gefriere ich zu einem Klotz Eis. Krümel war mein Spitzname in der Gang, für die ich gedealt habe. Ich blinzle und mustere ihn genauer.
Richie. Versteckt hinter einer rasierten Glatze, einem ordentlichen Bartdickicht und farbverändernden Kontaktlinsen.
Mir wird schlecht.
Er war damals die rechte Hand des Anführers. So, wie er jetzt lässig mit dem Klappmesser spielt, das er aus seiner Hosentasche gezogen hat, kann ich mir gut vorstellen, dass er die Rangordnung zu seinen Gunsten verschoben hat.
Ich lache. Irgendwie. »Süß, der Kosename. Aber wenn ihr auf Kekse gehofft habt, muss ich euch enttäuschen.« Mit dem Daumen zeige ich nach drinnen. »Nur fangfrische Austern. Ich bin sicher, so eine Delikatesse habt ihr noch nicht probiert.« Im Bruchteil einer Sekunde entschließe ich mich dazu, die drei vollzuquatschen, als hinge mein Leben davon ab. Vermutlich tut es das auch. Ich darf ihnen jedenfalls keine Gelegenheit geben, die Gesprächsführung zu übernehmen. »Ich persönlich mag sie am liebsten roh mit einem Spritzer Zitrone. Aber ihr müsst euch beeilen, denn –« Viel zu schnell stirbt mein Plan auf meinen Lippen, als mir der Kerl, der sich wie ein Sichtschutz vor mir aufgebaut hat, einen Rempler gibt.
Richie pult sich gelassen mit der Messerspitze den Dreck unter den Nägeln hervor. »Ich habe eine Frage zu euren Austernlieferungen. Auf welche Art sichert ihr die? Ist schließlich eine wertvolle Fracht, wenn ich deinen Erzählungen glauben kann.« Er grinst schief.
»Nicht halb so viel wert wie die Geschichten, die ich drumherum erzähle«, antworte ich cool. Mein Hemd klebt mir am Rücken. Nicht vom Sonnenschein, sondern vom Angstschweiß, der eiskalt meine Wirbelsäule herunterläuft.
Richie blickt mir direkt in die Augen.
Ich komme nicht dagegen an, dass mein Geist von unzähligen Bildern geflutet wird, die ein Zwölfjähriger niemals hätte zu Gesicht bekommen sollen. Während ich mit butterweichen Knien einen Kampf gegen die Vergangenheit austrage, beantworte ich roboterhaft Richies unablässige Fragen zu den internen Abläufen der Austernfarm.
Mum liegt vor meinem inneren Auge auf dem durchgesessenen Sofa, das irgendwann einmal beige gewesen sein muss, jetzt aber von fettigen, grauen Rändern und undefinierbaren Flecken gezeichnet ist. Ihre Haut spannt sich fahl, fast durchsichtig über die Wangenknochen. Darunter schimmern dunkle Schatten wie Fingerabdrücke von Händen, die zu oft nach ihr gegriffen haben. Ihre einst so strahlenden Augen halb offen, halb verdreht. Der kalte Schweiß auf ihrer Stirn klebt wie Tautropfen auf welkem Laub. Ihr Atem geht schwer, flach und schnell, als wäre sie einen Marathon gelaufen, obwohl sie seit Stunden bewegungslos hier liegt. Ihr ganzer Körper vibriert, als würden winzige Erdbeben unter ihrer Haut toben.
Ich weiß nicht, was mit meiner Mum passiert ist. In meiner Erinnerung ist diese Person auf dem Sofa nur noch ein blasses Abziehbild des Menschen, der mich zum Spielplatz begleitet hat, mir Gute-Nacht-Geschichten vorgelesen und mein Lieblingsessen gekocht hat.
»B … Brodie.« Ihre Stimme ist kaum mehr als ein kratzender Hauch. Kein lauter Befehl. Kein hysterisches Schreien wie früher manchmal. Nur dieser zerbrochene Flüsterton, der alles tausendmal schlimmer macht. »Es … Es wird bald besser, Liebling. Nur … Nur dieses eine Mal noch. Bitte.«
Ich stehe starr vor ihr, die Hände zu Fäusten geballt. Mein Magen schlingt sich zu einem Knoten aus Angst, Ekel, Wut und Liebe. Diese verdammte Liebe, die einen an Menschen bindet, selbst wenn man sie für das hasst, was aus ihnen geworden ist.
»Geh zu Richie. Er … Er weiß schon.« Ihre glasigen matten Augen blicken mich flehend an.
Ich schüttle den Kopf. Hektisch wie ein Kind, das hofft, die Welt leugnen zu dürfen.
»Bitte … Ich schaff es nicht mehr allein.«
In dem winzigen Bruchteil einer Sekunde habe ich geglaubt, ihr diesen Wunsch abschlagen zu können. Wegzulaufen. Jemandem Bescheid zu geben. Doch wem? Mein Vater war ein übles Monster, das nur gelegentlich kommt, um uns beide auf brutalste Weise zu demütigen. Die Child and Family Agency würde mich von dem einzigen Menschen auf der Welt trennen, der mir ein Zuhause gibt, egal, wie es aussieht. Und die Nachbarn hatten längst aufgehört hinzusehen.
Niemand würde sie retten.
Niemand außer mir.
Ich schrecke aus meiner Erinnerung an die Vergangenheit hoch, als mir Richie mit einem anerkennenden und siegessicheren Grinsen auf die Schulter klopft.
Fuck! Worüber haben wir geredet? Mein Blick streift Braden. In der Ferne repariert er irgendetwas an einem Anhänger. Ich will zu ihm. Ihn holen. Ihn anbrüllen, dass alles wieder scheiße ist. Aber ich kann nicht, denn jeder Muskel in mir ist taub.
Richie gibt seinem Kollegen, der immer noch die Tür verbarrikadiert, ein Zeichen.
Daraufhin macht dieser den Eingang frei und auch in den anderen Typen kommt Bewegung.
»Man sieht sich«, sagt Richie süffisant, steckt das Messer weg und schlendert so in das Kantinengebäude, als ob er zum Sonntagskaffee zu seiner Großmutter gehen würde.
Seine Begleiter folgen ihm.
Wenn Träume stürmisch werden - Bonuskapitel 2
Ich packe meine Tasche, wofür ich keine zehn Minuten brauche. Übung macht eben doch den Profi. Rucksack, Wasser, Ausweis, Bargeld, Handy und ein Notfallkeks. (Ja, ich hab einen. Verurteile mich doch.) Im letzten Augenblick kann ich mich davon abhalten, das gerahmte Foto auf dem Fenstersims einzustecken, das Theodore und mich zeigt. Keine Ahnung warum, der kleine Hosenscheißer ist mir ans Herz gewachsen. Ich kann es aber nicht riskieren, etwas bei mir zu haben, was Rückschlüsse auf eine meiner Schwachstellen zulässt und ihn somit in Gefahr bringen würde.
Im Schein der milchig gelben Küchenlampe schreibe ich einen Zettel für Braden.
Sorry für den überstürzten Aufbruch. Meine Vergangenheit hat mich eingeholt. Danke für alles.
Ich falte das Papier und lege es gut sichtbar auf den Tisch. Ein letztes Mal lasse ich meinen Blick über den Ort schweifen, den ich mit Stolz mein Zuhause genannt habe. Dann lösche ich das Licht. Wie ein Dieb schleiche ich mich hinaus.
Der Wind streicht mir über die Wange, als wolle er sagen: ›Komm schon, Krümel. Alte Zeiten.‹
Doch ich möchte nicht zurück in die Vergangenheit, sondern in die strahlende Zukunft, die mir Linda und Liam schmackhaft gemacht haben. Aber habe ich eine Wahl? Der Gedanke reißt mich aus dem Fluss. Ich bleibe stolpernd stehen und suche in der Dunkelheit fieberhaft nach einem Anker. Natürlich, die Bank!
Mit bebendem Herzen gehe ich hinter das Bürogebäude, nehme auf der besonderen Sitzgelegenheit Platz und stütze den Kopf in die Hände. Fuck! Ich habe keine Ahnung, was ich tun soll. Und plötzlich befinde ich mich gedanklich wieder auf dem Dach der Kinder- und Jugendschutzeinrichtung IRISH SHELTER.
Es ist jene Nacht, als ich zuletzt vor den Fängen der Gang fliehen wollte. Linda hat sich vor mir aufgebaut und gesagt: »Du bist ein guter Junge und du wirst ein toller Mann. Eines Tages wirst du es beweisen. Wenn die Welt sich weigert, das zu sehen, hat sie Pech gehabt. Es könnte jedoch alles umsonst gewesen sein, solltest du jetzt weglaufen.« Und Liam an ihrer Seite meinte: »Junge, sobald du erst einmal Pilot bist, trägst du eine Menge Verantwortung. Falls dein Wort nichts gilt, steh jetzt auf und hau ab.«
Mein Magen krampft und ein unangenehmes Brennen bahnt sich die Speiseröhre hoch. Ich fasse mir mit den Händen links und rechts an den Kopf, um die schmerzhaften Erinnerungen zu stoppen. Doch es hilft nicht. Schon schieben sich zwei andere Momente aus der Vergangenheit nach vorn.
Braden, der gesagt hat, dass ich für etwas kämpfen sollte, das den Kampf auch wert ist, und der mich wie einen Sohn aufgenommen hat. Sowie die chaotische Pia, die mir auf die Schulter geklopft und gemeint hat, dass Familie nicht das ist, was dich kriegt, sondern das, was dich behält.
Die Bilder in meinem Kopf werden mir zu viel. Ich gebe einen erstickten Schrei von mir und springe auf. Statt der ersehnten Pause ziehen in Sekundenschnelle vor meinen Augen Phil, Grady, Padraig, Maeva, Feena (die mir regelmäßig mein Lieblingsessen kocht. Ja, Mann, ich bin einfach gestrickt.), Finley, Siobhán und Theodore vorbei. Theodore. Der kleine Windelpupser ist wie ein Bruder für mich und ich würde mein Leben für ihn geben.
Was, wenn die Gang trotz meiner Flucht hier Unruhe stiftet?
Ich balle die Hände zu Fäusten. »Fuck!«, brülle ich in die Dunkelheit gegen das Tosen des Windes. Ich schnappe meinen Rucksack und stapfe entschlossen auf die Baracken mit den Arbeiterunterkünften zu. Raus aus der Flucht, rein in die Verantwortung.
Ich schleiche mich zu meinem schlafenden Boss, der heute ausnahmsweise hier pennt, weil die Schicht hart war. Damit ich die Kollegen nicht wecke, rüttle ich ihn, bis er die Augen öffnet. Es kostet mich einiges an Überwindung, die Worte auszuspucken, die mir schwer auf der Zunge liegen. »Ich glaube, ich brauch dich, Boss.«
Braden schlägt die Decke zurück und richtet sich auf. »Das denk ich auch, Krümel.«
Fuck! Ich hätte wissen müssen, dass ihm auf der Austernfarm nichts entgeht. Und dass er nicht der Typ ist, bei dem man einfach aufkreuzt, »Hilfe« murmelt und erwartet, dass er kommentarlos sein warmes Herz wie eine Sardinendose aufklappt.
Schweigend trotte ich neben ihm zum Farmbüro und versuche, mir einzureden, dass ich diesmal für etwas kämpfe, das wirklich zählt. Die nackte Deckenlampe blendet mich und ich hebe schützend eine Hand vor das Gesicht.
»Setz dich«, sagt Braden und deutet auf den Stuhl gegenüber dem Schreibtisch.
Ich befolge seine Aufforderung, ohne zu zögern, da mir die Beine wackeln wie Pudding bei einem Erdbeben.
Braden nimmt auf seinem Schreibtischstuhl Platz und mustert mich still, wobei ›still‹ in seinem Fall nie ›wortlos‹ bedeutet. In diesem Augenblick bedeutet es: Fang an zu erzählen, warum du mich mitten in der Nacht weckst und nicht schon gleich zu mir gekommen bist, als diese finsteren Typen aufgekreuzt sind.
Und ich fange tatsächlich an zu reden. Was es mit dem Namen Krümel auf sich hat. Von den Abläufen der Gang. Davon, dass Richie offenbar mit meiner Hilfe vorhat, auf der Austernfarm eine Niederlassung für seine miesen Machenschaften zu gründen.
Braden deutet auf den verschlissenen Rucksack. »Wolltest du abhauen?«, fragt er. Nicht vorwurfsvoll, sondern eher wie jemand, der etwas Zerbrechliches in der Hand hält und abwägt, ob es noch zu retten ist.
Ich nicke, obwohl ich die Frage lieber nicht beantworten würde. »Ich hatte Angst.«
»Gut«, entgegnet Braden.
Verwirrt blinzle ich. »Gut?«
»Ja. Hättest du keine Angst gehabt, wärst du naiv. Und Brodie? Du bist vieles, aber nicht naiv.«
Ich weiß nicht, was mich mehr trifft: Sein unerschütterliches Vertrauen in mich oder die Tatsache, dass mir bei diesem Liebesbeweis ein Kloß im Hals wächst, der locker ein eigenes Postleitzahlengebiet verdient. »Was soll ich tun?«, frage ich leise.
Braden steht auf. »Wir holen uns Hilfe.«
»Polizei?« Das Wort ist mir in einer Stimmlage herausgerutscht wie das hohe C einer Opernsängerin.
Mein Boss nickt. »Aber auf unsere Art.« Dann hält er mir sein Handy hin. Er hat das Notfall-Codewort ›Auster‹ an die Familien-Chatgruppe gesendet.
Zwei Tage später sitzen wir in Finleys Wohnzimmer, dem inoffiziellen Hauptquartier der ›Austernrebellion‹,unserem Aufbegehren gegen Richie und seine Gang. Mit ›wir‹ sind Grady, Phil, Liam, Linda, Braden und Padraig gemeint, der sich gerade mit Geraldine auf der Schulter ein Stück Karotte teilt. Siobhán ist mit Maeva und Theodore in dessen Kinderzimmer zugange.
»Also«, sage ich und bin sofort Mittelpunkt der Runde. »Ihr meint, dass ich so tun soll, als hätte ich Interesse, wieder in das alte Geschäft einzusteigen. Behaupte, dass mir die Abgeschiedenheit sowie das idyllische Familienleben auf den Geist gehen und dass ich im Dorf gute Kundschaft habe, die vor Langeweile stirbt.«
Phil macht ein verkniffenes Gesicht.
Linda zieht skeptisch eine Braue hoch. »Wie authentisch kannst du das rüberbringen, ohne dabei wieder Gefallen am Dealen zu finden?«, fragt sie mich.
»So authentisch wie du, wenn du sagst, dass du den da«, ich zeige auf Liam, »liebst.« Das letzte Wort kam mir sperrig über die Lippen.
Linda grinst und schenkt ihrem Zukünftigen einen heißen Blick. »Fairer Punkt.«
»Die Polizei ist mit unserem Plan einverstanden«, wirft Grady ein und hebt sein Handy hoch. »Ich habe gerade das Okay bekommen.«
Ein kollektives erleichtertes Seufzen geht durch die Runde.
Nur Phil kaut nervös auf ihrer Unterlippe.
»Mein Schulkamerad von früher hat versprochen, uns Technik zu liefern und Leute zu schicken, die für solche Einsätze ausgebildet sind.« Grady sieht mich ernst an. »Deine Aufgabe besteht darin, die Typen dazu zu bringen, den Stoff an dich zu liefern. Bei der Übergabe werden sie von der Polizei geschnappt.«
»Was ist mit der Arbeit und der Sicherheit für die Angestellten auf der Farm?«, fragt Padraig in die Runde.
Liam tritt vor. »Wir benötigen für die Aktion einen abgeschiedenen Platz, sodass die Arbeitsabläufe nicht gestört werden und er muss außerhalb des Blickfelds der Arbeiter liegen. Nicht dass jemand von ihnen auf die Idee kommt, einzuschreiten. Sicherheit ist oberstes Gebot.« Er tippt sich mit dem Zeigefinger an die Lippen. »Die alte Bootshalle unten am Wasser ist dafür ideal.«
Finley legt die Stirn in Falten.
Ich weiß, dass er zuerst gegen meine Ankunft auf der Farm war. Als frisch gebackener Vater wollte er seine Familie nicht durch einen Kriminellen wie mich in Gefahr bringen. Ich hoffe, ihm ist bewusst, dass ich das genauso wenig will.
»Du hast recht«, sagt Finley schließlich an Liam gewandt. »Das ist für unser Vorhaben der beste Ort.«
»Danke, dass ihr hinter mir steht.« Es ist mir wichtig, dass sie das wissen.
Braden legt mir eine Hand auf die Schulter. »Wir stehen nicht hinter dir, Brodie. Wir stehen neben dir.«
Ein leises Räuspern kommt von der Tür.
Ich drehe mich um und mir ist sofort klar, dass dort mein Verhängnis in Form einer vielleicht zwei Jahre älteren Frau steht.
Sie hat schulterlanges kastanienbraunes Haar und trägt eine hautenge Uniform, die mehr über ihren Körper verrät, als sie verdecken will.
Bei ihrem selbstbewussten Blick zuckt selbst Bradens Augenlid kurz.
»Verstärkung ist da«, sagt sie knapp und reicht mir die Hand. »Aislinn. Polizeischülerin. Ich soll eine erste Lagesondierung vornehmen und Protokollnotizen deiner Aussage zu der Gang aufnehmen«. Sie hebt das Klemmbrett in ihrer anderen Hand in die Höhe.
Ich nehme ihre Hand. Warm, fest und eindeutig länger als notwendig. »Brodie«, sage ich. »Ehemaliger Idiot mit Reuepotenzial.« Am Rand meines Blickfelds sehe ich, wie Braden tief einatmet und die Augen verdreht. Dagegen kann sich Liam ein Lachen kaum verkneifen.
Aislinn grinst.
Und ich bin verloren.
Wenn Träume stürmisch werden - Bonuskapitel 3
Ich habe bereits viele unvernünftige Dinge in meinem Leben getan. Von einer waghalsigen Kletteraktion in einer baufälligen Ruine, einfach weil es cool ist. Bis hin zu einer Drogenlieferung an einen Fremden im Park, der aussieht, als hätte er schon einmal aus Versehen jemanden erschossen. Aber die Austernrebellion-Aktion? Die ist definitiv mein Bewerbungsschreiben für den ›Club der vollkommen Unqualifizierten mit Größenwahnpotenzial‹.
Ich stehe in der alten Bootshalle am Rand der Bucht.
Wind pfeift durch die undichten Fugen und die Flut gluckert unter dem Holzsteg wie ein Meereswesen, das sich über mich lustig macht.
In möglichst lässiger Haltung lehne ich an der modrig feuchten Holzwand mit einer Sonnenbrille auf der Nasenspitze, obwohl es Abend ist. Unter der abgewetzten Lederjacke, die mir Liam geliehen hat, trage ich mehr technisches Equipment am Körper als ein Cyberborg.
Ich zucke zusammen, weil sich plötzlich mein persönlicher Sicherheitsengel aka Polizeischülerin Aislinn in meinem Ohr meldet.
»Brodie, hörst du mich?«, knistert es in meinem Gehörgang.
Seltsamerweise löst ihre Stimme eine stromschlagartige Welle durch meinen ganzen Körper aus.
Vielleicht hat das Gerät einen Defekt.
»Laut und deutlich, Rookie«, antworte ich übertrieben selbstbewusst. Da ich der James Bond in diesem Film bin, steht mir das zu, finde ich. Ob sich bei dem die Knie auch so wabbelig anfühlen?
»Wenn du Rookie zu mir sagst, nenn ich dich Krümel.«
Ich verdrehe die Augen. »Deal.«
Als eine männliche autoritäre Stimme durch meine Gehörgänge jagt, stehe ich sofort stramm. Die vielen versteckten Videokameras im Schuppen sind mir durchaus bewusst und mit Aislinns Chef ist nicht zu spaßen. Ich habe es ausprobiert, bin allerdings zu dem Schluss gelangt, dass es die Energie nicht wert ist.Vielleicht muss man seinen Humor am Eingang zur Polizeischule abgeben.
»Sie sind im Anmarsch«, sagt Aislinns Chef scharf in mein Ohr.
Ein Adrenalinrausch flutet mich. Ich hoffe, dass die versteckte Spezialeinheit genauso in Alarmbereitschaft ist wie ich. Um klarzukommen, verpasse ich mir eine leichte Backpfeife. It’s time to shine.
Richie erscheint mit zwei Typen im Schlepptau, die mir diesmal bekannt sind. Der eine ist schmal und drahtig, der andere ein Schrank auf zwei Beinen, Augen scharf wie Rasierklingen.
Mir ist schleierhaft, warum ich die je ›Brüder‹ genannt habe.
»Brodie«, grummelt der Schmale. »Dachte schon, du bist abgetaucht.«
»Glaub mir, ich hab es versucht. Aber egal, wo ich bin, der Bodensatz schmeckt stets nach zu Hause.«
Ein Grinsen, das durch die grobe Narbe am Mund immer schief gerät, huscht über sein Gesicht.
Der Schranktyp, der eine Sporttasche schultert, wendet sich an mich. »Hab gehört, du hast ’nen neuen Markt aufgetan.«
»Dann hast du dir endlich ein Hörgerät besorgt?«, erwidere ich frech.
Keine Reaktion außer einem Blick, der mich in Sekundenschnelle getötet hätte, wenn er über entsprechende Fähigkeiten verfügen würde.
Ich atme schwer aus. So viel zum locker geplanten Einstieg. Der Kerl will Fakten, keine Spielchen. »Touristen, Einheimische. Die halbe Gegend ist auf der Jagd nach Leichtigkeit. Ich brauche lediglich Ware.« Vorgetäuscht lässig schiebe ich die Hände in die Taschen, damit sie nicht zittern.
Alles läuft wie besprochen: Sie anlocken. Zeit schinden. Sie zur Übergabe der Drogen bringen und dann das vereinbarte Signal geben.
Richie, der bislang ungewöhnlich still war, beginnt umherzuschlendern.
Ich schicke ein Stoßgebet, wohin auch immer, dass die Spezialeinheit ihr Überwachungsequipment gut getarnt hat und Richie meinen Angstschweiß nicht riecht.
Er kommt mir nah, zu nah für meinen Geschmack.
Ich kann seinen faulen Atem riechen, obwohl er mit dem Zahnstocher im Mundwinkel so tut, als würde er auf Körperhygiene achten.
»Du siehst nicht aus wie jemand, der ernsthaft wieder Teil des Geschäfts werden möchte«, knurrt er und tritt einen Schritt von mir weg. Er mustert mich von oben bis unten. »Zu sauber. Zu brav.«
Ich zucke die Schultern. »Man lernt was auf ’ner Austernfarm. Zum Beispiel, dass du ohne harte Schale nicht lange überlebst. Genauso, dass ich mir mit ehrlicher Arbeit nie und nimmer eine Pilotenausbildung leisten kann.«
Die zwei Begleittypen lachen erheitert auf.
»Sieh einer an, der noble Herr hat hohe Ziele«, gluckst der Schlaksige.
Mein Herz hämmert. Bum, bum, bumbum.
»Wer genau sind deine Abnehmer?«, fragt Richie und mustert mich eindringlich. Obwohl Richie nicht gerade wie die hellste Kerze auf der Torte aussieht, darf man ihn nicht unterschätzen.
»Ein paar aus dem Dorf mit reichlich Leichtsinn im Blut. Lass mich nur machen.« Ich hoffe, er kauft mir mein Geschwafel ab.
»Und die Bezahlung?«
Wieder zucke ich die Schultern. »Wie früher. Ihr gebt mir den Stoff, ich liefere ihn aus, wir teilen.«
Richie betrachtet erneut die Umgebung genauer.
Ich muss ihn ablenken. »Aber hey, wenn ihr nicht wollt … Ich war euer bester Verkäufer ever und hab einen gewissen Ruf in der Branche. Ich bin mir sicher, dass sich Charly über einen Anruf von mir freut.«
Richie dreht sich mit vor Zorn verzerrtem Gesicht zu mir um. Wusste ich es doch, dass er auf den Namen seines Erzfeindes noch genauso anspringt wie früher. »Wag es ja nicht«, speit er mir entgegen.
Unbeeindruckt wackle ich mit dem Kopf. »Die Entscheidung liegt ganz allein bei dir.«
Ein paar Sekunden vergehen, in denen ich mir bildhaft ausmale, wie sich Meereswesen begierig über die von Richie und seinen Handlangern fein säuberlich verstreuten Einzelteile von mir hermachen.
Endlich kommt von Richie der erlösende Fingerzeig.
Der Schranktyp lässt daraufhin vor meine Füße die Sporttasche fallen.
Schwer landet sie auf dem Boden und wirbelt Staub auf.
Ohne die drei aus den Augen zu lassen, bücke ich mich und öffne den Reißverschluss, um den Inhalt zu überprüfen. Ich kenne ihre miesen Tricks und war leider viel zu oft dabei, als sie diese an wehrlosen Seelen angewandt haben.
Die Tasche ist bis oben hin voll: handliche Plastiktütchen, gefüllt mit feinstem weißem Pulver oder bunten Pillen.
Ich nehme eines heraus und öffne es. Meine Kehle wird eng. Ich kenne den Geruch. Ich kenne die Kälte und das Unglück, das von dem Scheiß ausgeht. Und ich will da nie wieder hin zurück. Trotz meines nachhaltigen Fluchtinstinkts bleibe ich in meiner Rolle und befeuchte den kleinen Finger, um eine Kostprobe zu nehmen. Da ich mich an sämtliche Tricks erinnere, wühle ich anschließend bis zum Grund der Tasche und prüfe auch von dort den Stoff. Ich blicke hoch zu Richie, denn ich will um nichts in der Welt den Moment verpassen, in der er seine Niederlage erkennt. »Auster.«
Blaulicht. Gebrüll. Nur Sekunden später knallt die Tür auf. Uniformierte stürzen herein und alles verschwimmt in Bewegung.
Der Schlaksige neben mir setzt zur Flucht an.
Ich halte sein Bein umklammert.
Er stürzt.
Richie langt unter seine Jacke, allerdings kommt er nicht dazu, nach seiner Waffe zu greifen, da er bereits von einem Beamten in den Schwitzkasten genommen wird.
Das Gerangel mit dem Schrank dauert etwas länger, doch am Ende liegt auch er wimmernd und fluchend auf dem Boden.
Mein Herz rast, meine Hände zittern, aber ich laufe nicht weg. Diesmal bin ich der Champion eines Kampfes und als Gewinn wartet Frieden auf mich. Für immer.
Viele Stunden später sitze ich auf der Bank hinter dem Farmbüro, neben mir Aislinn.
Sie reicht mir ein Sandwich. »Du hast es echt durchgezogen«, sagt sie und ich bilde mir ein, so etwas wie Bewunderung aus ihrer Stimme herausgehört zu haben. Aber vielleicht möchte das mein Ego auch nur.
Ich drehe mich zu ihr und sehe ihr direkt in die moosgrünen Augen. »Weißt du, was seltsam ist?«, frage ich.
»Was?«
»Ich habe gedacht, dass der gefährlichste Teil der ist, wieder in den alten Sumpf zu steigen. Aber das hier … bei dir zu sitzen … macht mir wirklich Angst.« Noch nie hat mein Herz dermaßen heftig geklopft. Wenn ich jetzt sterbe, hat mich das Schicksal echt am Arsch, denn ich habe das Gefühl, dass etwas ganz und gar Erlebenswertes auf mich wartet.
Aislinn lächelt. »Und willst du weglaufen?«
Ich schüttle den Kopf. »Nie wieder.«
Sie lehnt sich vor und küsst mich.
Kurz. Sanft. Aber es reicht, um mein ganzes System neu zu starten.
Ich bin Brodie.
Ehemals Krümel.
Zum ersten Mal im Leben heftig verliebt und habe absolut keinen Plan, was ich einer Frau wie Aislinn bieten könnte.
Wenn Träume stürmisch werden - Bonuskapitel 4
Zugegeben, ich dachte, mein Leben würde sich nach der Festnahme der Gang wie ein Superheldenfinale anfühlen. Mit Fanfaren, Applaus und vielleicht einem Slow-Motion-Abgang in die untergehende Sonne.
Aber die Realität sieht so aus, dass ich in Gummistiefeln auf dem matschigen Boden knie und die Balken des verwitterten Cottage abschleife, das mein Zuhause ist.
»Du weißt schon, dass das komplett abgerissen und neu gebaut werden müsste, oder?«, fragt Aislinn in dieser süß-genervten Art, die mir regelmäßig das Hirn weichkocht.
Ich wische mir den Schweiß von der Stirn und grinse. »Hab ich zuerst auch gedacht. Aber ich habe festgestellt, dass ich es mag, wenn Dinge mit Geschichte nicht einfach ersetzt, sondern repariert werden.«
Aislinn, die auf der Türschwelle sitzt und es sich dort bequem gemacht hat, nickt bedächtig. »Ist das so, weil du glaubst, dass es auch für Menschen gilt?«
Ich zucke die Schultern. »Tja, ich bin der lebende Beweis. Mit ein paar Kratzern im Lack und einer ziemlich fantastischen Mechanikerin an der Seite, bin ich fast wie neu.« Ich zwinkere ihr zu und lasse einen heißen Blick folgen.
Aislinn lacht. Sie steht auf, zieht einen Umschlag aus der hinteren Hosentasche und hält ihn mir unter die Nase. »Das ist ein Dankschreiben vom Assistant Commissioner an dich. Du bist offiziell der Grund, warum sie gleich drei Fahndungen schließen konnten. Und weißt du, was mir gesagt wurde?« Sie grinst über beide Ohren und ich bilde mir ein, einen Hauch von Stolz in ihren Gesichtszügen zu sehen.
Ich schüttle den Kopf.
»Wenn du jemals eine Ausbildung machen willst…« Aislinn wirft die Arme in die Luft, als hätte sie die Lösung für alle Probleme gefunden. »Sie würden dich nehmen.«
Ich runzle die Stirn. »Als was?«
»Polizist. Zivilfahnder. Irgendetwas zwischen Spürnase und Herzensbrecher.« Aislinn bohrt mit der Fußspitze im staubigen Kies. »Ich habe mich erkundigt. Falls du immer noch lieber fliegen möchtest, könntest du auch bei der Garda Air Support Unit als Air Observer arbeiten.«
»Das sagt mir nichts«, entgegne ich und kratze mich am Kopf.
»In der Einheit würdest du den Piloten bei Verfolgungen aus der Luft unterstützen, ihm helfen, vermisste Personen zu suchen, oder Verkehrslagen analysieren.«
Ich mache ein verkniffenes Gesicht. Mein Traum ist es immer noch, selbst einmal einen Helikopter zu fliegen und nicht einfach nur Beisitzer zu sein.
»Oder du machst eine Ausbildung beim Irish Air Corps, wenn du weiterhin Pilot werden willst«, schlägt Aislinn vor. »Dort müsstest du für die Ausbildung zumindest nicht selbst aufkommen«, sagt sie mit einer niedlichen Röte im Gesicht.
Noch während sie spricht, regt sich etwas in mir. Kein klarer Gedanke, eher ein Gefühl. Hoffnung vielleicht. Oder der Ehrgeiz, dass da mehr aus uns werden könnte als nur ein paar gemeinsame Nächte. Was auch immer da in mir wächst, es fühlt sich gut an. Auf die richtige Art. Und neu. Ich ziehe Aislinn in meine Arme und will sie nie wieder loslassen.
Ein paar Stunden später sitzen wir beim Abendessen auf der Terrasse von Bradens und Pias Haus. Es gibt gegrillte Austern, Spaß und viel zu viele Leute für zu wenig Stühle. Der Tag ist in Lachen und Wärme übergegangen, als hätte er beschlossen, unser Glück einfach mitzutragen.
Padraig klopft mir auf die Schulter. »Wie fühlt es sich an, endlich kein Problemmagnet mehr zu sein?«
Ich grinse selbstgefällig. »Langweilig.«
Er nickt wissend und reicht mir ein Glas Whiskey. »Dafür blitzt es jetzt in deinen Augen aus anderen Gründen.«
Ich folge seinem Blick zu Aislinn, die sich mit Maeva über Ballett unterhält und dabei gestikuliert, als würde sie ein Orchester dirigieren. »Ja«, murmle ich. »Sie ist … wie Sturm und Sonnenschein gleichzeitig.«
»Mach was draus«, erwidert Padraig.
»Yes, Sir«, ertönt Geraldines Stimme von dessen Schulter.
Ein Lachen platzt aus mir heraus. Ich lasse meinen Blick über die Runde schweifen. Keine Ahnung, womit ich all die wundervollen Menschen in meinem Leben verdient habe. In diesem Moment schwöre ich, sie nie wieder gehen zu lassen. Mein Bleiben ist kein Zweifel mehr, sondern ein Versprechen. Für immer.
Es sind ein paar Wochen vergangen und endlich bin ich mit den Renovierungsarbeiten am Cottage fast fertig. Ich habe das Holz der Außenfassade lasiert, den Boden erneuert, das Dach gedämmt und ein Fenster so eingesetzt, dass morgens das Licht in goldenen Streifen über das alte Holz fällt. Das kleine Gebäude ist ein bisschen Werkstatt, ein bisschen Rückzugsort und vor allem mein Zuhause. Wärme breitet sich in meiner Brust aus, als hätte jemand ein Licht darin angezündet.
Aislinn schlendert über den Farmplatz auf mich zu.
O Mann! Ich bekomme einfach nicht genug von dieser Frau. Noch immer ist es mir ein Rätsel, was sie an einem Kerl wie mir findet. Aber hey, ich nehme, was ich kriegen kann.
Sie hält mir strahlend eine Farbdose entgegen. Pastellgrün.
Natürlich protestiere ich, mein Männlichkeitsinstinkt schlägt Alarm. Doch wenig später streiche ich damit die Wand hinter meinem Bett. Ich will, dass sich Aislinn bei mir zu Hause fühlt.
Als wir fertig sind, küsst sie mich auf den Farbklecks auf meinem Kinn.
Ich reagiere mit einem Stupser auf ihre Nase und verberge nicht, dass an meinem Finger feuchte Farbe klebt.
Wir lachen, rangeln und sauen uns von oben bis unten ein. Aus dem simplen Grund, weil das Leben trotz allem manchmal einfach nur leicht sein darf.
Nach einer ausgiebigen Dusche zu zweit, ich weiß nicht, wie wir das in der winzigen Nasszelle geschafft haben, liegt Aislinn leise atmend an mich geschmiegt.
Ich beobachte sie eine Weile, unfähig zu begreifen, dass ein Mensch so viel Glück in mir auslösen kann. Vorsichtig ziehe ich mich unter ihr hervor und greife nach dem Notizbuch auf meinem Nachttisch. Ich schreibe nicht oft, aber gerade verspüre ich ein tiefes Bedürfnis. Vielleicht weil ich von Pia und Braden gelernt habe, dass Geschichten es wert sind, erzählt zu werden. Auch die schrägen und unperfekten. Ich blättere nach der nächsten leeren Seite und lese dabei von meinen Ängsten, Zweifeln und der Sehnsucht nach mehr. Dann schnappe ich mir einen Stift und kritzle auf eine neue Seite: ›Manchmal denkt man, man sei das Problem. Dabei ist man nur das Gewitter vor dem Neuanfang.‹
